Einmal die ganz große Radreise mit dem Pedelec/E-Bike wagen. Vielleicht eine ungewöhnliche Route nehmen. Freiheit und ein kleines Abenteuer erleben. Habt ihr auch manchmal diesen Tagtraum? Es ist ein schöner, aber die wenigsten verwirklichen ihn. Da sind die Verpflichtungen zu Hause, eigene Unsicherheiten und so eine Tour will geplant sein. Zwei Freunde haben es trotzdem gewagt. Dietmar (70) und Mirek (53) sind mit dem Pedelec 1.200 Kilometer vom niederschlesischen Paszowice (früher: Poischwitz) ins niedersächsische Sandkrug gefahren. Dietmar hat uns davon erzählt.

Wie bist du auf die Idee zu dieser Radreise mit dem Pedelec gekommen?

Ich habe einen Vortrag über die Operation Schwalbe gehört. Das war die Zwangsumsiedelung von Menschen, insbesondere aus Schlesien, nach Niedersachen zwischen 1945 und 1947. Auch meine Eltern sind im August 1946 mit dem Zug nach Niedersachsen gekommen. Meine Mutter hat die Route in ihren Lebensaufzeichnungen festgehalten.

Wie war der Beginn der Vorbereitungen für dich?

Es war spannend. Man fragt sich: Wie weit ist das? Wie lange brauche ich dafür? Schaffe ich das? Ich fühle mich noch sehr fit, habe aber vorab einen Gesundheitscheck beim Arzt gemacht und mit ihm über meinen Plan gesprochen. Glücklicherweise hatte er keine Bedenken.

Ihr habt keine vorgegebene Route gewählt. Was hieß das für die Streckenplanung?

Einen ersten Überblick habe ich mir über Google Maps verschafft. Für den genauen Verlauf der Route waren aber historische Angaben und Karten wichtig. So ging es mit dem Zug von Hannover damals nicht direkt nach Oldenburg, sondern nur über Osnabrück. Die Weserbrücke bei Bremen war zerstört. Die Bahnhöfe, die meine Mutter notiert hat, waren unsere Fixpunkte. Wir haben sie mit den damaligen Hauptbahnlinien verbunden. Während der Reise haben wir hauptsächlich den Routenplaner Komoot verwendet.

Insgesamt ein Jahr hat die Organisation gedauert. Was gab es zu bedenken?

Etwa die Frage, wie ich und das bepackte Pedelec per Zug zum polnischen Treffpunkt komme. Umstiege, hinderliche Bahnhofstreppen, passende Zugverbindungen, Reservierung fürs Rad – dabei hat ein Reisebüro unterstützt. Außerdem muss das Rad im Zug sicher stehen, weshalb ich Spanngurte mitgenommen habe. Bei meinem Pedelec führt ein dünnes Kabel ungeschützt von der Steuereinheit zum Display außen am Lenker entlang. Wenn das schon bei der Anreise im Zug Schaden genommen hätte, hätte ich die Tour wohl ohne E-Motorhilfe fahren müssen. Mir hat auch sehr geholfen, dass ich in Mirek einen Begleiter mit viel Erfahrung hatte. Er veranstaltet und begleitet seit vielen Jahren von Warschau aus Radreisen mit Elektrorädern.

Dann ging es auf die drei Wochen lange Tour.   

Wir sind eng an der Bahnlinie entlang gefahren – insgesamt 33 Bahnhöfe habe ich dadurch gesehen. Weil wir zu zweit waren, konnte ich vor Ort auf Spurensuche gehen und Mirek hat auf die Räder aufgepasst. Einige Male sind wir auch bewusst von der Hauptroute abgewichen. Das ist ja der Vorteil der Pedelecs: Wenn nötig, lässt sich der Antrieb zuschalten. Umwege oder zusätzliche Kilometer sind problemlos machbar. Man geht viel entspannter an Strecken heran und traut sich auch mal Umwege zu fahren. Das gibt Raum für Unerwartetes und Abenteuer. Zum Beispiel haben wir in Löbau in der Niederlausitz einen 1854 gebauten Aussichtsturm entdeckt. Der Turm ist aus Gusseisen-Elementen zusammengesteckt.  Und das zu einer Zeit, als der Eiffelturm in Paris noch gar nicht geplant war.

Der Mut auch mal vom Weg abzuweichen lohnt sich. Der König Friedrich August-Turm, gesehen in Löbau. Foto: Privat.

Der Mut auch mal vom Weg abzuweichen lohnt sich. Der König Friedrich August-Turm, gesehen in Löbau. Foto: Privat.

Also ist die Strecke entlang einer Bahnlinie nicht so nüchtern, wie man vermuten könnte?

Im Gegenteil. Ich fand sie sogar interessanter, als viele Radfernwege, die ich schon kenne. Mit dem Routenplaner konnten wir vor Ort noch Detailabstimmungen machen. Meist sind wir Feld- oder Waldwege gefahren. Das war naturnah, fahrradgerecht und weil nicht alles bis ins Detail vorgezeichnet war, spannend.

Wärst du die Strecke auch mit einem herkömmlichen Rad gefahren?

Nein. Die Unterstützung war schon wichtig. Zum Beispiel hatten wir eine Etappe, auf der wir im Dauerregen mit Gegenwind entlang einer Landstraße fahren mussten, auf der LKW an uns vorbeigebraust sind. Außerdem mussten wir zu einem bestimmten Zeitpunkt bei unserer ein paar Stunden zuvor telefonisch bestellten Übernachtungsmöglichkeit sein. Ich glaube ohne Tretunterstützung hätten wir das nicht durchgehalten.

Und die Nachteile einer Radreise mit dem Pedelec?

Ich finde, direkte Nachteile gibt es nicht. Man muss sich nur einiger Dinge bewusst sein, zum Beispiel dass man abends die Akkus auflädt. Unsere hatten jeweils eine Reichweite von 140 Kilometern. Das hat immer gereicht. Für alle Fälle hatte Mirek noch eine Steuereinheit als Ersatz dabei. Zusätzlich hatte er eine kleine Werkstattausrüstung im Gepäck, was aber bei allen Radreisen sein muss. Und Panzertape hat er für alle Fälle immer dabei  – übrigens sehr gut, um einen schwächelnden Kettenschutz zu fixieren (lacht). Bei meinem Pedelec ist dieser nämlich nur mit einer Schraube etwas unglücklich befestigt. Da hat das Material nicht gehalten.

Was hat die Radreise mit eurer Freundschaft gemacht?

Wir waren vorher schon gut befreundet, aber durch die Reise ist unsere Freundschaft viel enger geworden. Teilweise waren die Wegstrecken so einsam, dass wir stundenlang nebeneinander fahren und uns unterhalten konnten. Mirek war mein Routenplaner, Dolmetscher, Gesprächspartner, Koch, Fahrradmechaniker und ständiger Begleiter auf allen Wegen und Straßen. Ohne ihn und ohne seinen sehr reichen Erfahrungsschatz mit auf größeren Fahrrad-Touren im In- und Ausland hätte ich die Reise nicht gemacht.