„Bike Bridge“ ist ein Projekt aus Freiburg, in dem geflüchtete Frauen das Radfahren lernen. Zwar ohne E-Antrieb, aber zum Tag des Ehrenamtes stellen wir euch das Projekt trotzdem gerne vor. Was 2016 noch mit einem Pilotkurs begann, könnte bald schon bundesweit durchstarten. Mitbegründerin Clara Speidel über die Anfänge, Glücksmomente und Schilderwälder.

Frau Speidel, gemeinsam mit Shahrzad Mohammadi und Lena Pawelke haben Sie Bike Bridge gegründet. Wie kam es zur Idee? 

Bei Besuchen in Wohnheimen fiel Shahzad auf, dass sich hauptsächlich Männer oder Kinder draußen aufhielten. Die meisten Sport- und Freizeitangebote richteten sich an sie, zum Beispiel mit Basketball oder Fußball. Für geflüchtete Mädchen und Frauen gab es derzeit kaum Angebote in Freiburg. Sie sind in der Flüchtlingsarbeit ein häufig vergessene Gruppe. Dabei haben Frauen und Mütter in muslimisch geprägten Ländern eine Schlüsselrolle – durch sie erreichen wir die gesamte Familie. Wir überlegten also, was es für Angebote braucht.

Hatten die Idee für die Fahrtrainings: Die Gründerinnen von Bike Bridge, Shahrzad Mohammadi, Lena Pawelke und Clara Speide (v. li.). Foto: Bike Bridge/Peter Hermann

Hatten die Idee für die Fahrtrainings: Die Gründerinnen von Bike Bridge, Lena Pawelke, Clara Speidel und Shahrzad Mohammadi (v. li.). Foto: Bike Bridge/Peter Herrmann

Warum fiel die Wahl auf das Radfahren?

In vielen muslimischen Ländern lernen Frauen und Mädchen das Radfahren nicht. Hier gibt es ihnen Selbstständigkeit und Bewegungsfreiheit. Unsere Teilnehmerinnen können die Stadt und die neue Umgebung  entdecken. Und sie knüpfen Kontakte. Nicht zuletzt ist Freiburg eine Fahrradstadt.

Zum Beispiel mit den Trainerinnen, die sie während des Kurses begleiten.  

Richtig. Jeweils eine Trainerin begleitet eine der zehn Teilnehmerinnen. Das machen ehrenamtliche Helferinnen, die vorher bei uns in Workshops ausgebildet wurden. Über einen Zeitraum von drei Monaten hinweg sehen sie sich zwei Mal die Woche. Es gibt praktische Fahrtrainings, Reparatur-Workshops, Theorie- und Sprachlerneinheiten. Wir gehen mit unseren Teilnehmerinnen auch auf den Übungsplatz.

Klingt ein bisschen nach Fahrschule.

Ja, das hat mir neulich schon mal jemand gesagt – quasi ein Fahrradführerschein (lacht). Das ist aber auch notwendig. Schließlich haben wir hier ein komplett anderes System als es die Teilnehmerinnen aus ihrer Heimat kennen. Die Regeln und Schilderwälder sind für uns ja schon manchmal kompliziert. Sind die Grundlagen dann gelegt, machen wir auch gemeinsame Radtouren. Es passiert aber noch mehr in den Kursen.

Was genau?  

Wir begegnen einander. Es gibt Kaffee, Tee und Kuchen, wir tauschen uns aus. Das Fahrrad bringt Menschen zusammen. In den Kursen sind schon Freundschaften entstanden, auch bei mir. Die Frauen, die schon Radfahren gelernt haben, können außerdem später selbst Trainerinnen werden. Das gibt ihnen einen ersten Job und Selbstvertrauen. Sie machen den neuen Teilnehmerinnen auch Mut, schließlich haben sie es ja schon geschafft.

Bei den Kursen von Bike Bridge kommen unterschiedliche Frauen zusammen, jede mit ihrer eigenen Geschichte. Gibt es da Unsicherheiten?

Vor dem ersten Kurs waren wir noch nervös: Kommt überhaupt jemand? Wie wird die Stimmung sein? Aber es war ganz entspannt, auch in den folgenden Kursen. Wichtig ist einfach die Kommunikation untereinander. In der Vorbereitung lernen die ehrenamtlichen Helferinnen deshalb auch, auf welche kulturellen Besonderheiten sie achten können und wie sie das Radfahren am besten vermitteln.

Das Projekt Bike Bridge bietet Fahrtrainings für Frauen mit Fluchterfahrung. Foto: Bike Bridge/Peter Hermanns

Während der Kurse lernen die Frauen nicht nur Theorie und Fahrpraxis – sie begegnen einander. Foto: Bike Bridge/Peter Herrmann

Welche Erfahrungen sind Ihnen im Herzen geblieben?

Es ist bei jedem Kurs wieder schön zu sehen, wie das Eis bricht. Wir machen zu Beginn viele Kennenlern-Spiele. Besonders in Erinnerung ist mir auch geblieben, wie eine Teilnehmerin aus dem ersten Kurs mir mit dem Fahrrad strahlend entgegen fährt. Wir sind damals unerfahren in den Pilotkurs gestartet. Diese Frau fuhr schon nach dem dritten Training das erste Mal selbständig über den Platz. Da wussten wir, dass das Konzept funktioniert. Ich bin auch immer wieder glücklich, wenn ich Frauen aus früheren Kursen durch die Stadt radeln sehe – es ist toll, dass sie es nutzen.

2016 startete der Pilotkurs. 2017 waren es schon vier und es gab den Deutschen Integrationspreis für Bike Bridge. Was steht für 2018 an?

Gerade gründen wir den Verein Bike Bridge. Wir möchten außerdem den Kursbetrieb weiterführen. Das haben wir zwei Jahre lang komplett ehrenamtlich gemacht. Dafür haben wir auch unsere Jobs zurückgefahren. Aber mittlerweile haben wir so viele Anfragen, dass das nicht mehr geht. Daher werden mit Hilfe von Stiftungen und Spenden für die Teilzeitstellen für die Organisation geschaffen. Die Stadt Freiburg hilft mit einem Büro und einer mobilen Werkstatt. Außerdem interessieren sich bundesweit Menschen für das Projekt. Vielleicht gibt es Bike Bridge bald auch in anderen Städten, zum Beispiel Frankfurt oder Stuttgart. Unser Herz hängt an der Idee – wir sind gespannt, wie es weitergeht.

Mehr zum Projekt und über Möglichkeiten, es zu unterstützen, lest ihr auf der Homepage zum Projekt!