Mit dem E-Bike einmal um die Welt? Kein Problem dachten sich Radler Gary und seine Frau Rachel. Die beiden haben sich auf den abenteuerlichen Weg gemacht und wollen einen neuen Meilenstein in Sachen Langstrecken-E-Bike-Fahren setzen. Es gilt den alten Rekord von 16.047 Kilometer zu brechen. Aber damit geben sich Rachel und Gary noch lange nicht zufrieden. Ihr Ziel sind die 20.000. Mit dabei natürlich immer die Kamera, um ihre Etappenziele dokumentieren zu können.

Die Halbzeit hat das australische Ehepaar schon geknackt. Auf ihrem Blog e-bike cycle tourists stellen sie regelmäßig wunderschöne Routen und Ausflugsziele vor, sodass man immer hautnah dabei sein kann. Im Interview erzählt Gary von der Reise und gibt einen eindrucksvollen Einblick in den „Alltag“ auf dem E-Bike.

Das Interview mit Rachel und Gary Corbett

Gary, im April 2015 seid ihr von London aus in euer Abenteuer aufgebrochen. Habt ihr mittlerweile auch schon ein konkretes Ziel? Und wenn ja, wo und wann wird das sein?

„Momentan planen wir im August 2016 zurück in London zu sein, nachdem wir die 20.000 Kilometer erfolgreich bewältigt haben. Aber wir sind auch gerade im Gespräch mit einem großen E-Bike-Hersteller über Möglichkeiten, unsere Reise in den USA fortzusetzen. Wenn sich eine passende finanzielle Unterstützung findet, wer weiß, wie viele Kilometer wir dann noch fahren werden und wann wir unser Ziel erreichen.“

Ihr habt bestimmt viele persönliche Highlights auf eurer Reise erlebt. Aber welche Orte stehen ganz ob auf eurer „Unvergesslich“-Liste?

„Das ist eine einfache Frage. Für mich ist das das Loire-Tal in Frankreich. Es ist ein magischer Ort voller faszinierender typisch französischer Dörfer, einer erstaunlichen Geschichte, mehr Märchenschlössern als vielleicht irgendwo sonst auf der Welt und die malerische und abwechslungsreiche Loire natürlich.

Für meine Frau sind die Westküste Irlands und insbesondere Aran Island, eine kleine Insel, die in Galway Bay, eine kurze Bootsfahrt vom Festland entfernt liegt, die absoluten Favoriten. Auf Aran Island ist es, als ob die Zeit stehen geblieben ist. Die Menschen nutzen Pferd und Wagen um herumzukommen, es gibt weiße Sandstrände, Robben auf der Halbinsel, uralte Ruinen, spektakuläre Klippen – und das alles findet man auf einer Insel von wenigen Quadratkilometern.

Allgemeinen kann man Landschaft an der Westküste von Irland mit einem Wort beschreiben: „atemberaubend“. Mit herrlichem Ausblick auf die Küste, einer sich ständig verändernden und fast menschenleeren Landschaft und hohen Bergen an jeder Straßenecke. Je weiter wir nördlich entlang des „Wild Atlantic Way“ radelten, desto besser wurde die Landschaft. Es ist eine Region, die jeder besuchen sollten, der die Möglichkeit hat, nach Irland zu reisen. Wir waren oft überflutet von den atemberaubenden Eindrücken, die wir jeden Tag sehen.“

South England Beach near Exmouth_final

(c) Rachel und Gary Corbett

Und nun von den zauberhaften Landschaften zur Realität: Sich jeden Tag auf dem E-Bike abstrampeln, das ist nicht wirklich leicht, oder? Was waren die größten Herausforderungen für deine Frau und dich?

„Die körperliche Anstrengung um Tag für Tag ungefähr 100 Kilometer zu fahren. Aber nach knapp einem Monat haben unsere Gliedmaßen aufgehört wehzutun und nun machen wir Witze, dass wir immun gegen die Schmerzen geworden sind!!! Für Rachel und mich ist der „Alltag“ auf der Straße und das Schlafen im Zelt aber auch eine der größten Herausforderungen. Wenn wir morgens starten, wissen wir nie, wo wir unser Zelt das nächste Mal aufschlagen werden oder ob wir es tatsächlich schaffen, etwas Geeignetes für die nächste Nacht zu finden und unsere E-Bike-Akkus aufzuladen.

Oft mussten wir am Ende des Tages bei Bauern klingeln und fragen, ob wir unser Zelt auf ihrem Feld aufschlagen dürfen. Zum Glück gab es nur eine Situation, bei der wir zurückgewiesen wurden. Die meisten Menschen sind sehr zuvorkommend. Wir sagen oft „Es ist, was es ist“, wenn etwas schiefgeht – und das tut es oft. Mit anderen Worten: Denk‘ rational, such‘ nach einer einfacheren Lösung, und es ist erstaunlich, wie alles immer funktioniert!“

Über 10.000 Kilometer seid ihr schon unterwegs. Wie sieht es denn mit platten Reifen aus?

„Elf bei unseren „Haibike XDURO Trekking“-E-Bikes und vier mit dem „Tout Terrain“-Anhänger – alle in Großbritannien!“

Wie sieht es mit dem Worst-Case aus? Gab es bis jetzt Fahrradunfälle oder Verletzungen?

„Klopf auf Holz! Wir hatten bis jetzt keine Verletzungen. Rachel hatte zu Beginn Schmerzen in den Schultern, aber dann haben wir herausgefunden, dass sie ihren Lenker zu fest hält und danach war das Problem gelöst. Mein aktuelles Problem – und das habe ich schon mein ganzes Leben lang, wenn ich viel Rad fahre – ist ein wundes Steißbein. Ein neuer „Brooks“-Ledersattel in Kombination mit einer gefederten Sattelstütze machen aber einen himmelweiten Unterschied.“

Wir haben eben schon über Herausforderungen gesprochen, aus denen man ja bekanntlich etwas dazulernen soll. Ihr bewältigt jeden Tag neue Herausforderungen, habt ihr dabei über euch etwas Neues gelernt?

„Dass mit einem freien Geist und all deiner Energie, alles zu erreichen ist. Vor der Entscheidung den E-Bike- Langstrecken-Weltrekord zu brechen, ist Rachel noch nie mehr als 200 Kilometer in einer Woche gefahren und sie dachte, das wäre schon beeindruckend. Jetzt trampelt sie 500 Kilometer Woche für Woche und es macht ihr nichts mehr aus. Im Traum hätte sie nicht daran gedacht, jemals so weit zu kommen – und wir haben schon über 12.900 Kilometer hinter uns. Wir verbringen 24/7 zusammen und teilen viele beeindruckende aber manchmal auch nicht so schöne Erfahrungen, das zeigt uns immer wieder, wie stark unsere Beziehung ist.“

Da ihr, wie gesagt, schon eine ganze Weile unterwegs seid: Habt ihr schon einen eurer Geburtstage auf der Reise zelebriert?

„Ich habe am 10. März – das war vor unserer Abreise und Rachel am 5. Oktober. Wir waren in Irland an ihrem Geburtstag. Als „besonderes“ Geschenk haben wir eine Nacht im Hotel verbracht. Wie gut das war, in einem richtigen Bett zu schlafen!!!“

Ihr seid mit E-Bikes und nicht mit einem gewöhnlichen Fahrrad unterwegs, wieso eigentlich? Ist für euch der Elektroantrieb wichtig?

„Egal welche Meinung man zu dem Thema hat, aber der elektrische Antrieb ist die Zukunft für Fortbewegungsmittel. Bisher sind wir fast 13.000 Kilometer geradelt und haben weniger als 100 Dollar für Strom ausgegeben. Die gleiche Strecke würde mit einem Auto viel, viel mehr kosten und hätte die Umwelt um ein Wesentliches mehr belastet.

In Europa verkaufen sich E-Bikes besser als herkömmliche Fahrräder – die Leute wissen hier, dass das die Zukunft ist. Leider ist Australien weit hinterher, aber mit der Zeit werden die Menschen auch dort erkennen, dass es eine Alternative zu den umweltverschmutzenden Autos gibt. Zeitweise haben wir uns wie Prediger für Elektroantrieb gefühlt, weil auf unserer Reise viele Menschen großes Interesse haben, mit uns über unsere E-Bikes zu sprechen.“

Die Halbzeit eures gesteckten Ziels von 20.000 Kilometern habt ihr schon erreicht. Bestimmt ein eindrucksvoller Moment! Wo und wie habt ihr ihn gefeiert?

„An der Ostküste von England. Es war ein Moment der großen Umarmungen, High Fives, ein Foto, um den Moment festzuhalten und natürlich einiges an Wein an diesem Abend. Ich finde die 10.000 Kilometer sind auch wichtig, um alle weiteren Kilometer zu bewältigen.“

Und abschließend noch eine Frage zu euren Reisebekanntschaften: Jeden Tag ein anderer Ort, da begegnet man einer Menge Menschen, wie waren euer Eindruck von ihnen?

„Wie viele fürsorgliche, hilfsbereite, zuvorkommende, aufmerksame, großzügige und wirklich interessante Menschen es auf der Welt gibt. Wir haben in den Medien von den ganzen schlechten Menschen und Sachen, die in der Welt passieren, gelesen und gehört. Aber die Wahrheit ist, dass die Welt voll von wundervollen Menschen mit einem Herzen aus Gold ist. Seit wir uns auf die Reise gemacht haben, haben wir so viele Hilfsangebote, Unterkünfte und Hilfe in jeder erdenklichen Art von Menschen aus allen Ecken der Welt erhalten. Das hat unseren Glauben an die Menschheit wiederhergestellt!“

Herzlichen Dank Gary für deine ausführlichen Antworten und auch Dank an deine Frau Rachel!
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