In unserem heutigen Beitrag möchten wir euch die Fachjournalistin Susanne Brüsch vorstellen. Dem Einen oder Anderen mag ihr Name bereits bestens bekannt sein: Sie gilt nicht nur als E-Bike Koryphäe, sondern ist auch für die Erfindung des Begriffs „Pedelec“ verantwortlich. Susanne beschäftigt sich bereits seit knapp 20 Jahren mit E-Bikes. Mit ihrer Diplomarbeit (1999) hat sie ein internationales Namenssystem für die unterschiedlichen Fahrzeugkonzepte mit Muskel- und Elektroantrieb geschaffen.

„Ich musste Pedelecs immer mit riesigen Worthülsen umschreiben, da es keinen einheitlichen Begriff gab.“

Der Begriff entstand aus „Pedal Electric Cycle“ und sollte international verwendbar sein. Das Wort „Pedelec“ hat sich nach nur kurzer Zeit in der Fahrradbranche und darüber hinaus etabliert. Allerdings wird im Volksmund häufig nicht differenziert und „E-Bike“ als Oberbegriff für alle Typen verwendet.

So kam es zur E-Bike-Faszination

Zunächst agierte Susanne als Testerin von E-Bikes, um Kunden vergleichbare Daten von Akkulaufzeit und Co. an die Hand zu geben. Viele Jahre war sie als Redakteurin und Fotografin in der Welt der E-Bikes unterwegs und studierte neben der Entwicklung in Europa auch das Marktgeschehen in China, Japan, Südostasien und USA, um darüber zu berichten.

Dann gelang den E-Bikes endlich der Imagewandel: Irgendwann waren sie nicht mehr eine „uncoole Nische“, sondern eine praktische Ergänzung für Transportmöglichkeiten im Alltag. Das wollte Susanne weiter forcieren und so entstand 2011 die Idee, „Pedelec Adventures“ zu gründen: Zusammen mit ihrem Team und selbstentwickelten Solaranhängern haben sie beispielsweise Island, die Mongolei und Marokko bereist. Dabei sollten „geile Fotos und geile Videos“, als neue Inspiration für die „meist langweiligen E-Bike Broschüren“ entstehen. Bei Motorradmagazinen seien stets atemberaubende Szenerien abgebildet, bei E-Bikes jedoch wirke alles sehr unspektakulär. Das wollte Susanne ändern und hat sich im Februar 2011 zunächst mit Elektrorad-Händler Sebastian Plog zusammengeschlossen.

Die „Tour de Sahara“ in Marokko

Gemeinsam eroberten sie bei ihrer „Tour de Sahara“ die grandiose Berg- und Wüstenwelt Marokkos mit S-Pedelecs und Solaranhängern. Das Ziel war zudem, auf die Möglichkeiten der elektrischen Mobilität aufmerksam zu machen. Sie haben dabei rund 2.000 Kilometer zurückgelegt und ihre Elektrofahrräder sowie Solaranhänger auf Herz und Nieren geprüft.

Hierbei haben sie so einiges erlebt. Beispielsweise stieg mitten in der Pampa plötzlich ein sehr gepflegter Mann im Anzug aus seinem Auto und war in seiner Begeisterung für das E-Bike und die Solarzellen nicht mehr zu bremsen. Zudem sprach er sehr gutes Englisch. Untypisch für das ländliche Marokko. Letztlich stellte sich heraus, dass er der Gouverneur von Zentral-Marokko sei und für den Aufbau des Tourismus zuständig ist. Auch hierbei stand das Energieproblem im Vordergrund und es sollten Hotels mit Solarzellen betrieben werden, um dem entgegenzuwirken. Da kam Susanne mit ihrem Solarpanel ja gerade richtig. Sie wurden als Gäste in ein riesiges Gästehaus eingeladen, in dem es an nichts fehlte – außer zuverlässigem Strom: „Mein Rechner-Ladegerät ist gleich abgeraucht“, erinnert sich Susanne.

Tour de Mongolia

Auszug aus der „Tour de Mongolia“ Foto: pedelec-adventures.com I Susanne Brüsch

Doch so einfach und lustig war es nicht immer. Immerhin verlangt eine solche Strecke auch eine enorme körperliche Leistung – vor allem bei den Temperaturen in der Wüste – ab. Das kommentierte Susanne aber mit Humor:

„Man kämpft 3 Tage lang so richtig, denn dabei tut schlichtweg der Po weh. Aber dann geht es.“

Die Tour war erfolgreich, das Ziel erreicht. Die Technik hat die Biker nicht im Stich gelassen und selbst unter enormen Härtetests Stand gehalten: Stadt, Gebirge, Ebenen, sogar Salzwasser haben die Bikes samt Anhängern getrotzt. Ein gutes Fazit für Susanne wie auch Elektrorad-Händler Sebastian. Neben den positiven Testergebnissen, hat sie die Erfahrung gemacht, dass sie auf dem E-Bike sehr viel offenherziger von den Fremden empfangen worden ist:

„Wenn man verschmutzt, verschwitzt und völlig am Ende in den Städten ankam, findet man einen viel direkteren Draht zu den Menschen. Und man hat nicht gleich den Stempel des reichen West-Touristen auf der Stirn. Selbst, wenn man die Sprache kaum beherrscht, ist der Zugang zu den Menschen viel persönlicher und man wird eher aufgenommen.“

Völlig autark in der Mongolei unterwegs

Solche Erfahrungen lassen sich tatsächlich nur dann machen, wenn man sich komplett auf das Abenteuer einlässt. Neben dem Abenteuergedanken standen auch die Entwicklung der Mobilität im Vordergrund und die damit verbundenen Möglichkeiten durch das E-Bike. Es folgt der absolute Härtetest: Im Jahr 2012 eroberte Susanne mit dem Wildnis erprobten Reiseprofi Ondra Veltrusky völlig autark mit Pedelecs und Sonnenenergie die mongolische Steppe. Sie lernte, was es heißt, zu verzichten, denn Strom war ein sehr wertvolles Gut:

„Wir haben uns immer genau überlegt was wir als erstes laden, was in dem Moment das wichtigste ist – der Bike-Akku, Kamera, GoPro oder das Telefon. Meistens waren wir uns einig!“

Lässt man die kleinen Problemsituationen beiseite, haben Susanne und Ondra eine wundervolle Zeit verbracht. Neben der facettenreichen Landschaften, haben sie unzählige Menschen kennengelernt. Diese seien offen und neugierig gewesen und haben positiv auf die Westländer und ihre E-Bikes reagiert. Sie waren fasziniert und wollten gern mehr über die Bikes erfahren:

„Wenn wir eine gemeinsame Sprache hatten, war es russisch, ansonsten dienten Hände und Füße der Kommunikation. (…) E-Bikes sind in der Mongolei besonders interessant, da es für die Menschen dort zwei große Themen gibt: Wie bewege ich mich fort? Und: Wo bekomme ich meinen Strom her? Da ist die Stromgewinnung über Solarzellen auf dem Anhänger natürlich besonders spannend.“

Susanne lässt sich nicht aufhalten

Susanne war nicht zu bremsen. Bereits im Sommer 2013 strebte sie eine 4.000 Kilometer-Tour durch Island an. Auch diese Herausforderung hat sie mit Bravour – und trotz Loch im Knie – gemeistert. Die Landschaft war einfach zu atemberaubend, um aufzugeben. „Es war nachts einfach zu schön um schlafen zu gehen“, erinnert sich Susanne. Das Team bewältigte eine Strecke von 4.000 Kilometern in nur vier Wochen und war am Ende der Reise so erschöpft, dass sie auf dem Rückweg nur noch ans Schlafen und Essen denken konnten. Mit dabei waren diesmal Andreas Gutmann, Ondra Veltrusky und Uwe Schlemender sowie Speed-Pedelecs der jungen Marke eflow. Und es ist noch lange kein Ende in Sicht:

„Man muss das machen, was einem Freude macht.“

Für den Zeitraum von April bis Juni ist eine weitere Reise geplant, um eines der berühmtesten Bike-Festivals zu besuchen. Mehr verrät sie an der Stelle aber (noch) nicht. Im Herbst möchte Susanne dann ihre Afrika-Tour fortsetzen, die sie mit Bruce MacLeod bereits im November letzten Jahres begonnen hat: Es soll von Glasgow nach Kapstadt gehen, wobei die ersten 900 Kilometer von Glasgow bis Paris bereits gemeistert wurden. Somit konnte das Team auch pünktlich zum Weltklimagipfel COP21 (Anfang Dezember) vor Ort sein.

Island Tour mit dem E-Bike

Island Tour mit dem E-Bike – Foto: pedelec-adventures I Andreas Gutmann

Geplant ist Afrika einmal längs zu durchqueren und mit dieser 20.000 Kilometer-Strecke gleich mehrere Rekorde ins Visier zu nehmen. Die Besonderheit hierbei ist die Nutzung der Solarpanele, sodass sie völlig unabhängig von Stromzufuhr ist. Dieser Solaranhänger bildet übrigens das Herzstück ihrer Tour, die sie zusammen mit dem Gründer der schottischen Wohltätigkeitsorganisation „The Purple Heart Network“, Bruce MacLeod, organisiert hat.  Die Tour hat Charity-Charakter und soll auf die aktuellen Umweltprobleme – insbesondere den Klimawandel – und daraus resultierenden sozialen Missstände aufmerksam machen.

„Die Tour soll Menschen inspirieren, und Möglichkeiten zeigen, wie man mit Solarenergie längere Strecken in kürzerer Zeit und sogar mit viel Gepäck zurücklegen kann.“

Die Welt der E-Biker ist klein

Als E-Bike-Expertin ist sie stets up to date und hat natürlich auch von Gary und Rachels Weltrekord im Langstrecken-E-Biken Wind bekommen. Sie freut sich sichtlich für die beiden.

„Ich find total toll was sie machen, vor allem als Ehepaar.“

Das australische Pärchen hatte Susanne sogar schon kontaktiert, da sie Interesse an ihren Solarpanels gezeigt haben. Gefährdet sieht sie sich von dem Pärchen, welches aktuell die 20.000 Kilometer-Marke ins Auge gefasst hat, aber nicht. Tatsächlich liegen ihre Zielsetzungen auseinander, so hat beispielsweise noch niemand Afrika mit einem E-Bike längs durchquert – das ist schon ein Weltrekord für sich. Außerdem ist die Motivation beider Teams eine ganz andere.

Bleibt einfach im Flow

Während des Interviews mit Susanne, sprühten ihre Augen vor Lebensfreude und Tatendrang. Es ist unglaublich, wie viel Energie sie ausstrahlt und wie viele Pläne sie noch hat. Bei dem Interview wuchs das Fernweh in der Brust immer stärker an. Für diejenigen, die ebenfalls eine Tour über mehrere tausend Kilometer planen, hat sie einen wertvollen Tipp parat:

„Spontanität ist immer gefragt. Am besten man folgt dem Flow und macht sich keine zu harten Vorgaben.“

An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei Susanne Brüsch bedanken! Das Interview hat unglaublich viel Spaß gemacht und konnte meine Faszination für die E-Bikes nur noch weiter steigern. Ich wünsche ihr von Herzen Glück für ihre geplanten Touren in diesem Jahr und werde ihre Etappen aufmerksam verfolgen und natürlich davon berichten.