Pedelecs machen auch vor dem Radsport nicht Halt – allerdings ist die Entwicklung nicht so, wie sie vielleicht erwartet worden ist. Die Angst vor „Elektro-Doping“ macht die Runde. „Unsichtbare“ Hilfsmotoren, die in die Sattelrohre integriert werden und daher gar nicht auf Anhieb zu erkennen sind, sollen ihr Unwesen treiben. Ein erster Fall wurde im Januar bekannt: Kontrolleure fanden einen Motor bei der belgischen Sportlerin Femke Van den Driessche. Kein Einzelfall, wie es in der Szene heißt.

Was sind Sattelrohrmotore?

Die meisten Pedelecs verfügen über einen Hinterrad, Mittel- oder Vorderradmotor. Groß und klobig kann man sie eigentlich kaum übersehen. Selbst, wenn sie im Vorderrad versteckt werden. Ganz neu ist der Sattelrohrmotor zwar nicht, er wird allerdings zunehmend beliebter, weil er quasi unsichtbar ist und somit das Gesamtbild nicht beeinflusst: Sie stecken im Sattelrohr, die dazugehörigen Akkus können in der Satteltasche untergebracht werden. Zudem sind sie im Vergleich zu anderen Motoren mit unter 2 Kilogramm recht leicht. Damit wird auch das Handling des Rads nur gering beeinflusst. Perfekt also, für Radsportler, die Unterstützung brauchen, aber nicht im Fahrverhalten beeinflusst werden möchten.

Allerdings lässt sich ein Sattelrohrmotor nur in Räder integrieren, die ein gerades, durchgehendes Sattelrohr haben. Allein die Anforderungen an den Rahmenbau sind für viele Räder schon ein K.O.-Kriterium und damit auch für Radfahrer, die viel Wert auf das Aussehen ihrer Bikes legen. Weiterhin nachteilig ist auch die relativ geringe Reichweite, die der Sattelrohrmotor durch einen sehr kleinen Akku mit sich bringt. Das sind schon zwei Faktoren, die diese Motoren wieder unattraktiv wirken lassen. Als kleine Anfahrtshilfe bei einem Wettkampf jedoch, können sie den entscheidenden Vorteil bringen. Illegal natürlich. Der bei der Belgierin gefundene Vivax-Assist-Motor ist bereits seit zehn Jahren erhältlich.  Er kann über Kabel oder Funk aktiviert werden. Somit ist er eigentlich unsichtbar und könnte von mehreren Radlern heimlich benutzt werden.

Tour de France: Wie erkennt man einen Motor im Sattelrohr?

Insider-Berichte verheißen nichts Gutes

In einem Bericht vom Mai diesen Jahres beklagt Jean-Pierre Verdy*, dass bei der Tour de France gleich mehrere Fahrer heimlich mit Elektroantrieben pfuschen würden. Im Interview mit dem Online-Magazin TOUR äußerte er, dass das Problem nicht neu sei:

„Das Problem ist noch viel größer. Ich habe mich nur gewundert, warum es jetzt auf einmal weltweit so große Wellen schlägt. Motordoping gibt es seit Jahren – es ist immer stärker geworden.“

Nachdem mehrere Team-Manager – im Stillen – nach Hilfe riefen, wollte Verdy die Nutzung der Elektromotoren unterbinden lassen. Doch auf Hilfe seitens des Zolls oder der Polizei konnte er nicht hoffen. So informierte er den Radsport- Weltverband UCI. Dieser jedoch habe sich lediglich darauf konzentriert die Räder zu wiegen: „Wir standen da und konnten nichts tun“. Es wundert Verdy aber dennoch, wieso das Thema plötzlich so große Wellen schlägt.

„Für mich war das sehr traurig. Radsport ist wirklich harte Arbeit und es tut weh zu sehen, wie manche das ganze Jahr hart trainieren und dann von anderen so betrogen werden.“

Verdy beklagt, dass sich kein Fahrer an die Öffentlichkeit traue, aus Angst ausgegrenzt zu werden. Im Interview forderte er die UCI auf, aktiv gegen die Betrügereien vorzugehen.

„Es ist vor allem der Sport, der unter diesem Betrug leidet.“

Was sich im Radsport ändern müsste

Ein einfacher Blick in das Sattelrohr würde ausreichen, um einen illegalen Motor zu identifizieren. Auch der Einsatz von Wärmebildkameras, könnte wichtige Hinweise auf Motoren liefern. Allerdings werden diese aktuell keiner Prüfung unterzogen. Einen ersten Schritt ist die UCI Anfang Mai aber schon gegangen: Beim Auftakt zum Giro d’Italia wurden alle Räder mittels Magnetfeld-Sensoren von iPads geprüft. Anomalien sollen auf Motoren hinweisen. Da sich der Motor-Markt stetig weiterentwickelt und auch Sattelrohrmotoren leistungsfähiger werden, ist diese Entwicklung mit Wolhwollen zur Kenntnis genommen worden. Immerhin machen Gerüchte um noch bessere Antriebe die Runde und verunsichern die Radsport-Teams zusehends. Nicht zuletzt, weil das Unternehmen CarboFibretec ein innovatives Carbonrad mit 500 Watt Leistung vorgestellt und Dauermagneten vorgestellt hat. Würde dies weiterentwickelt werden, könnte es das Elektro-Doping weiter vorantreiben.

Keine guten Nachrichten für den Profisport also. Bleibt abzuwarten, wie sich die Lage zukünftig entwickeln wird. Es ist schonmal wichtig, dass Jean-Pierre Verdy das Schweigen gebrochen und offen auf die Missstände bei der Tour de France beziehungsweise dem Radsport hingewiesen hat.

 

*Anmerkung der Redaktion: Jean-Pierre Verdy war bis zum Jahr 2015 Direktor des Kontrollbereichs der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD